2017/18: Dein Urlaub hat Gewicht

Das Thema

Durch unsere Themenwahl, mit der wir unser Reiseverhalten kritisch hinterfragten, hatten wir sowohl innerhalb des Projektes als auch mit vielen Beteiligten/Partner*innen und der Presse sehr kontroverse Diskussionen. Oft haben wir dabei – ganz unbewusst – die Diskussion des Postwachstumsökonomen Nico Paech mit dem Reisebuchautoren Matthias Politycki im Deutschlandfunk wiederholt. Wie Matthias Politycki argumentierten einige, dass das Reisen unseren Horizont erweitere und uns durch das Erleben anderer Kulturen vor Fremdenfeindlichkeit bewahre. Durch unsere Recherche fanden wir aber auch konsequentere Interpretationen, zum Beispiel die des Informationszentrum 3 Welt . Diese NGO entlarvt das massenhafte Reisen einerseits als postkoloniale Eroberung der Welt – schließlich besuchen die früheren Kolonist*innen die ehemaligen Kolonisierten, selten umgekehrt, und nur ein sehr privilegierter Teil der Weltbevölkerung kann sich das Reisen überhaupt leisten. Andererseits zeigt die NGO deutlich, dass gerade die Wertschätzung des Fremden, als etwas von der eigenen Lebenswirklichkeit abgrenzten, Teil rassistischen Denkens ist, indem exotische Projektionen auf die bereisten Menschen und Kulturen selten hinterfragt werden. Nico Paech betonte außerdem die klimaschädliche Bilanz unserer Reisen: „Weltreisen sind der maximale ökologische Klimaschaden, den ein Individuum finanziell erschwinglich und legal ausführen kann.“ Die Zerstörung unserer Lebensgrundlage wird nicht zur Völkerverständigung und einer friedlicheren Welt beitragen, sondern Konflikte um knapper werdende Ressourcen und Fluchtursachen verschärfen. Und so knüpft sich noch eine Verbindung. Denn Flucht, also Kriegs- und Armutsmigration, ist auch eine Form des Reisens, aber eine unfreiwillige, erzwungene, bei der kein sicheres Zuhause nach dem „Abenteuer“ wartet. Ganz entgegen unserer Erwartungen hatten sich sehr viele andere Menschen bereits vor uns auf den Weg gemacht, um über dieses Thema aufzuklären und für ein sozial gerechteres und klimafreundlicheres Reisen zu werben, z. B.: Tourism Watch, die Naturfreunde, Greenpeace, der WWF und sogar die UNWTO.

Unsere Kampagne

Mit dem forum anders reisen und ZENAT als Partner hatten wir uns Expert*innen für unser neues Ausschreibungsthema an die Seite geholt. Da unser Ausschreibungsjahr 2017 auch UN-Jahr für nachhaltigen Tourismus für Entwicklung war, hat die Presse unsere Meldungen in ihrer Berichterstattung rege aufgenommen. Unsere von Thea Klinger erstellte Projektpostkarte zeigt ein Motiv, bei dem ein Tourist mit Selfie-Stick die Erde plattsitzt. Bei unseren 14 Standaktionen erreichten wir mit unserem an das Thema angepassten Konzept – man konnte in einem Schwimmbecken Hintergrundinfos zu den globalen Auswirkungen unseres Urlaubs bzw. Tipps und Tricks zum Bessermachen angeln und diese unterm Sonnenschirm mit uns diskutieren – knapp 700 Personen. Wir haben auch neue Aktionen, wie die Guerilla Stecil-Action, ausprobiert, um auf unsere Kampagne aufmerksam zu machen. Für unsere Infoveranstaltungen mit insgesamt über 150 Besucher*innen ist es uns in Dresden (in Kooperation mit der Lokalen Agenda 21 und den Städtischen Bibliotheken Dresden und in Chemnitz (in Kooperation mit dem Umweltzentrum gelungen, den Buchautor Frank Herrmann als Referenten zu gewinnen. Frank Herrmann war auf einer „Fairen Fahrradtour“ durch Deutschland unterwegs, um sein Buch „FAIRreisen“ zu präsentieren und über die Auswirkungen von nicht-nachhaltigem Tourismus zu informieren. In Leipzig haben wir in Kooperation mit dem Globalisierungskritischen Filmfestival GlobaLE vor der Filmvorführung von „Art War“ unsere Bildungsspots aus den Vorjahren angeschaut und über das Projekt und seine Inhalte gesprochen. Genau 112 Personen haben sich an unserer Ausschreibung beteiligt und einzeln oder in Gruppen kreative, witzige oder traurige, spektakuläre oder ruhige Spotideen in Textform bei uns abgegeben. In der Jury mit Personen aus Entwicklungspolitik, Kultur, Film, Verwaltung, Hochschule und Zivilgesellschaft wählten über 40 Personen die jeweils beste Idee für Dresden, Chemnitz und Leipzig aus. Der Einbezug von Multiplikator*innen aus Film oder Politik als Juror*innen in den Projektablauf bietet diesen einen interessanten Zugang zum Fokusthema „Nachhaltig Reisen“, weil durch das Lesen der prägnanten, witzigen Filmideen viele Hintergrundinformationen aufgenommen werden. Die Kriterien entwicklungspolitischer Bezug / globale Aussage, Vermittlung konkreter Handlungsoptionen / Alltagsbezug sowie Originalität waren bei der Auswahl entscheidend.

Hier stellen wir die Sieger vor:

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Drehteam Sukuma Award Dresden 2018

„Ein nachhaltiger Albtraum – Siegeridee Dresden (von Nadine Michailow): „Hier spricht Ihr Kapitän: Wenn Sie Ihr CO2-Jahresbudget bereits überschritten haben, müssen wir Sie bitten, auszusteigen. Danke sehr und einen schönen Urlaub.“ Diesen Satz möchte wohl niemand gerne hören, nachdem er gerade auf seinem Flugzeugsitz Platz genommen hat. Aber wie eigentlich jeden, der fliegt, trifft es auch Karl-Heinz, unseren Hauptdarsteller, gespielt von Christian Mark (Theater der Stadt Gotha). Er muss das Flugzeug via Fallschirmsprung verlassen. Doch er hat Glück und landet in seiner Heimatstadt Dresden in der Elbe, denn er hatte nur einen bösen Albtraum. Stattdessen hat er die nachhaltigste Urlaubsform gewählt und hat zu Hause entspannt bzw. Abenteuer vor der Haustür erlebt. Auch die Stewardess, die ihn gerade eben noch den letzten Schubs aus dem Flugzeug gegeben hat, entpuppt sich als seine Frau Miriam, gespielt von Katja Rogner. Als spektakulären Drehort für den Flugzeug-Dreh fanden wir beim Otto-Lilienthal-Verein Stölln e.V. die letzte intakte Interflug-Maschine IL 62 mit dem schönen Namen „Lady Agnes“. Im Hintergrund bringt uns „The Ocean Song“ von Ukulele Jim alias James Andrew Clark in Urlaubsstimmung. Premiere feierte der Spot am 26.07.2018 bei den Filmnächten am Elbufer.

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Dreh Sukuma Award Chemnitz 2018

Ein umwerfendes Angebot – Siegeridee Chemnitz (von Frank Herrmann): Nach der üblichen Reiseberatung rechnet die Reisefachverkäuferin, gespielt von der gebürtigen Chemnitzerin Anne Diedering, plötzlich alle noch nicht eingepreisten Reisekosten, wie Ausgleichszahlungen, Subventionswegfall, angemessene Löhne, Entschädigungszahlungen, Kosten für Müllbeseitigung, Wasserverbrauch, Wasseraufbereitung, Ressourcenverbrauch und Umweltschäden zum Reisepreis hinzu. Das Ergebnis dieser Rechnung haut das reiselustige Paar Luise (Isabelle Weh, Fritz Theater) und Reinhard (Michael-Paul Milow) vom Hocker. Die Reiseerlebnis GmbH war mutig genug, ihr Reisebüro am Rosenhof 11 für diesen reisekritischen Spot zur Verfügung zu stellen. Im Reisebüro haben wir einen ganzen Tag lang den Geschäftsbetrieb tüchtig durcheinander gebracht: die Kund*innen mussten über die Schienen der Kameras steigen oder sie ließen sich, weil ohnehin kein Durchkommen war, gleich außerhalb des Reisebüros beraten. Mit dem 1982er-Hit „Sommersprossen“ der NDW-Band UKW wird der Spot komplett. Er feierte seine Premiere bei den Filmnächten Chemnitz zur Kurzfilmnacht am 28.07.2018.

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Dreh Sukuma Award Leipzig 2018

Wenn der Tourist dreimal klingelt – Siegeridee Leizig (von Marthe Gruner): Nicht nur die indirekten Schäden unserer Reisen durch Treibhausgasemissionen, sondern auch die unmittelbaren negativen Auswirkungen unseres Besuchs anderer Regionen sind spürbar. Mit ihrer Spot-Idee überträgt Marthe Gruner diese Zerstörung in die uns bekannte Welt. Ein idyllisches Einfamilienhäuschen wird durch viele verschiedene Tourist*innen immer mehr zerstört. Übrig bleibt eine Müll-Landschaft. Wichtig ist uns dabei, nicht eine Form der Reisens, bspw. Pauschal- und Massentourismus, als schädlich zu kritisieren, sondern die negativen Folgen aller Reisen – auch individueller Backpacking-Touren – darzustellen. Die Hausbewohner Harald und Isabell, gespielt von Christian Mark (Theater der Stadt Gotha) und Annett Sawallisch (Schauspiel Leipzig), bereiten den Urlauber*innen einen freundlichen Empfang. Sie haben ihre Kinder, die wirklichen Bewohner*innen des Drehorts, herausgeputzt. Die Zerstörung, die übrig bleibt, wenn die Tourist*innen, gespielt von den Schauspieler*innen der Theatergruppen Schwarzpulver, TheaterPack, Cammerspiele, Theater-Vision, wieder weg sind, haben sie alle nicht erwartet. Mit dem bekannten Elektro-DJ Cuthead und AlekSound haben wir die passende musikalische Untermalung gefunden. Premiere feierte der Spot bei der erstmaligen Veranstaltung des Open Air-Festivals Leipziger Markt Musik am 03.08.2018 anmoderiert von RB-Moderator Tim Thoelke.

Filmdrehs

In bewährter Weise wurden die durch unsere Jury ausgewählten Ideen mit Hilfe des Potsdamer Regisseurs Thomas Frick und der Dresdner Produktionsfirma ravir film GbR, sowie vielen freiwilligen Engagierten professionell verfilmt. In jeder Projektstadt hatten wir intensive Drehtage. Mit fleißigen Helfer*innen wurden in kürzester Zeit unheimlich viele Ressourcen bewegt und Requisiten, Drehmaterial und Drehorte aufgetan, transportiert, gestaltet und eingesetzt. Für den Dresden-Spot hieß es, diverse Laubbläser auf dem Flugzeugflügel stehend zu bedienen und damit Wind und Dunst in Christian Marks Gesicht zu pusten. Ein Haus für den Leipzig-Dreh zu verwüsten, hat nicht nur den zahlreichen Tourist*innen, sondern auch der Crew Spaß gemacht. Unser leckeres selbst-kreiertes Catering aus geretteten Lebensmitteln der Dresdner Tafel war immer nur ein kleines Dankeschön für die tolle Unterstützung aller Beteiligten. Nach langem Ringen und Abstimmen, um mit Claims und Sprechertexten genau den Punkt zu treffen, hat Andreas Jung den Spots mit seiner beeindruckenden Stimme den letzten Schliff gegeben. Und jetzt geht‘s ab in die Kinos. Jede*r darf unsere Spots nutzen und zeigen. Sprecht uns gerne an!

Und was kannst Du tun?

Staycation: Die nachhaltigste Form des Urlaubmachens ist es, zu Hause bleiben. So beanspruchst Du keinen zusätzlichen Raum zum Schlafen, Dein Kühlschrank verbraucht den Strom sowieso und niemand wird ausgebeutet, um Dir Dein Bett zu machen. Sich Zeit nehmen für all die Dinge, die man sonst nicht schafft: Lesen, Bummeln, lecker Essen, gemeinsam beim Sonnenuntergang auf der Terrasse sitzen, … all das kann man auch zu Hause.

Sieh, das Gute liegt so nah: Je näher der Urlaubsort, desto geringer Energieverbrauch und Emissionen. Wenn es doch mal weiter weg gehen soll, dann bleibe möglichst lange dort, damit Anreise und Aufenthaltsdauer in einem sinnvollen Verhältnis zueinander stehen! Am besten nutzt Du die Bahn, den Bus, das Rad oder gar die eigenen Füße für die An- und Abreise und auch vor Ort. Solltest Du zum Fliegen keine Alternative finden, dann bevorzuge Direktflüge und kompensiere Deinen Flug über Portale wie Atmosfair.

Doch Wegfahren, dann aber …

  • Bevorzuge Reiseanbieter, die Wert auf Sozialstandards und Nachhaltigkeit legen. Achte auf anerkannte Gütesiegel wie Tourcert oder Earthcheck.
  • Buche Deine Unterkunft möglichst mit landestypischem Komfort in lokalen Quartieren mit einheimischen Beschäftigten! Du erlebst so mehr und trägst dazu bei, dass sie von Deinem Besuch profitieren. Frage nach der Einhaltung von Sozialstandards für die Angestellten!
  • Nutze lokale Restaurants und Dienstleistungen und probiere – statt Importwaren – landestypische Gerichte und Getränke!
  • Kaufe nur Dinge, die in der Gastregion selbst produziert werden oder wachsen! Dies trägt zur Arbeitsbeschaffung und zum direkten Verdienst vor Ort bei.
  • Meide Kreuzfahrten und Reiseziele mit mangelnden Umwelt- und Naturschutzstandards!
  • Vermeide Müll und verzichte, wo möglich, auf Einwegverpackungen! Verlasse Dich nicht auf die Müllabfuhr, sondern entsorge Deinen Unrat selbst!
  • Spare vor Ort Wasser und Energie! Dusche nur kurz und wehre Dich gegen tägliches Wechseln von Handtüchern und Bettwäsche!
  • Passe Deine Urlaubsaktivitäten an lokale Begebenheiten an!
  • Nimm nicht an umweltschädlichen Outdoor-Aktivitäten teil und vermeide Klimaanlagen! So trägst Du nicht zum immensen Wasser-, Ressourcen- und Stromverbrauch bei.
  • Kaufe keine Produkte aus geschützten Tier- und Pflanzenarten!
  • Von wegen laaaangweilig! Varianten nachhaltigen Reisens

    INSIDER-REISE: Entdecke Deinen Heimatort, als wärst Du ein*e Fremde*r! Folge Empfehlungen Einheimischer und mache genau das, was sie Dir sagen!

    EXPEDITION ZUM K2: Entdecke die Gegend in Deiner Stadt, die sich auf dem Stadtplan im Feld K2 befindet!

    KLEINE ZUFALLSREISEN: Tausche Schlüssel und Adresse mit Freund*innen und verbring das Wochenende in der jeweils zugeteilten Wohnung. Geh zu allen Verabredungen, die die sonst dort Wohnenden gemacht hätten.

    DIE THALASSO-REISE: Denke Dir eine Ausrede aus (z. B. ein geplatztes Rohr oder kein heißes Wasser) und lade Dich selbst bei Freund*innen ein, um dort ein Bad zu nehmen! Hab alles dabei, was Du auch zu einem Spa mitbringen würdest: Seife, Shampoo, Handtuch, Bademantel, Entspannungsmusik, Algen-Peeling, Champagner, etc.!

    Dank

    Unser herzlichster Dank geht an alle Dreh-Beteiligten, Partner*innen und Förder*innen sowie Spender*innen.