Du surfst mehr als Du denkst!

Homo digitalis – existiert er schon oder kommt er erst noch?

Digital – jetzt auch real
Digitalisierung_Pixel-Welt

World of Pixel (C) Johannes Wendsche

Digitalisierung ist in aller Munde, … und in allen Händen und Köpfen, Küchen, Häusern, Städten, Arbeitsstellen, Betten. Ganz selbstverständlich dringt sie mit vielen Geräten und Anwendungen der Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) immer mehr in alle unsere Lebensbereiche ein. Wir befinden uns mitten in der digitalen Revolution. Und die wird alles ändern: Geschäftsfelder, unsere Kommunikation, Herstellungsverfahren und Konsumweisen. Mit dem Internet der Dinge (IoT), Big Data, künstlicher Intelligenz, Smart Cities oder selbstfahrenden Autos werden derzeit Visionen entworfen, die weitreichende Auswirkungen auf alle Lebens- und Wirtschaftsbereiche haben. Nur kann diese Entwicklung auch zu einer nachhaltigen, ressourcenschonenden Welt beitragen? Potential dafür ist vorhanden, doch wird es gerade auf der Suche nach neuen Arbeitsplätzen, Innovationen, Komfort und Statussymbolen verspielt. Datenschutz- und IT-Sicherheit sind gerade sehr präsent, doch hier wollen wir auch auf ökologische, soziale und ökonomische Auswirkungen der Digitalisierung aufmerksam machen.

Aus welchem Kriegsgebiet kommen Deine Handyteile?
Digitalisierung_Geräte stehlen Rohstoffe

Revolution (C) Chiara Nicoletto

Schon bei ihrer Herstellung erfordern digitale Geräte, Infrastrukturen und Anwendungen enorm viele Ressourcen und Energie. Ein einzelnes Smartphone hat mit 5 g Kobalt, 15 g Kupfer, 22 g Aluminium scheinbar keinen sehr hohen Umweltverbrauch. Kritisch wird erst der Blick auf die Gesamtmenge: In den letzten 10 Jahren wurden weltweit über 7 Milliarden Smartphones verkauft, also 38.000 t Kobalt, 107.000 t Kupfer, 157.000 t Aluminium und Tausende Tonnen weitere Materialien verbaut. Und zu den Smartphones summieren sich die PCs, die Tablets, die MP3-Player, die Kameras, etc. Noch dazu kommt die „unsichtbare“ digitale Infrastruktur in Form von Datenkabeln, Servern und Rechenzentren. 25 % des weltweit gewonnenen Silbers werden heute in IT-Produkten verbaut. Neben Silber stammen auch andere Rohstoffe der Elektroindustrie, wie Kobalt, Tantal, Platin oder Palladium, aus Ländern, in denen Menschen unter unwürdigen Bedingungen mit hohen Gesundheits- und Sicherheitsrisiken arbeiten müssen. Auch die Entsorgung der oft kurzlebigen Geräte als Elektroschrott findet häufig in Ländern des Globalen Südens statt und verursacht dort frühe Sterblichkeitsraten und Umweltschäden. Das Internet der Dinge (Internet of Things – IoT), mit weiterem Bedarf an vielen digitalen Geräten, verschärft diese Entwicklung drastisch.

Kohlekraft für Deine Suchanfrage
Digitalisierung_Handy saugt Erde leer

Earth (C) Chiara Nicoletto

Wäre das Internet ein Land, hätte es weltweit gesehen den sechstgrößten Stromverbrauch. Der weltweite Stromverbrauch aller IKT beläuft sich bereits heute auf 10 % der weltweiten Stromnachfrage, Tendenz steigend. Allein zwischen 2000 und 2005 hat sich der Stromhunger des World Wide Web verdoppelt. Das ist kaum verwunderlich. Die im Internet verarbeitete Datenmenge verdoppelt sich sogar alle vier Monate. Allein das Video-Portal YouTube produziert heute so viel Datenverkehr wie das gesamte Internet vor zwei Jahren. Das Internet der Dinge (IoT) wirbt mit stromsparenden Features, bspw. durch automatisches Lichtlöschen und Heizungsdrosseln bei Abwesenheit. Viele Geräte im IoT verbrauchen allerdings ebenso Strom. In Summe könnte dies zu einem deutlichen Zuwachs des Energieverbrauchs führen. Neben dem Energiebedarf für den Betrieb schlägt auch der für die Produktion deutlich zu Buche. Der Stromverbrauch für die Herstellung der 7 Milliarden weltweit produzierten Smartphones entspricht mit 250 Terawattstunden dem jährlichen Stromverbrauch von Ländern wie Schweden oder Polen. Daher gilt: je mehr wir in allen Lebens- und Wirtschaftsbereichen auf digitale Lösungen setzen, die nicht ohne Strom funktionieren, desto größer wird die Herausforderung sein, auf Erneuerbare Energien umzustellen. Andererseits wird eine flexible und bedarfsangepasste, dezentrale netzgesteuerte Stromerzeugung nicht ohne digitale Vernetzung möglich sein.

Alles wird Smart
Digitalisierung_Handykopf

Smart Head (C) Chiara Nicoletto

Nur ein Bruchteil der smarten Erfindungen ist darauf ausgelegt, die Stromnachfrage nachhaltiger, flexibler oder sparsamer zu gestalten. Der weitaus größere Teil dient allein dem Komfort und verbraucht somit zusätzliche Energie, auch wenn jedes einzelne Gerät sparsamer wird. Untersuchungen zur Energiebilanz von intelligenten Messsystemen zeigen, dass deren Nettoeffekte bedeutend geringer sind, wenn man die nötige Energie für Produktion und Gebrauch der Geräte mitrechnet. Werden komplette Haushalte zu Smart Homes umgerüstet, besteht die Gefahr, dass funktionierende „Alt“-Geräte ausgetauscht und entsorgt werden. Die automatische Kommunikation und die digitale smarte Steuerung verbrauchen selbst ebenfalls Strom, der vorher nicht benötigt wurde. Aus diesen Gründen ist die Forderung nach einem moderaten Maß an Digitalisierung sinnvoll: So viel wie nötig und so wenig wie möglich.

Digital, Du hast die Wahl
Digitalisierung_Smombie

Smombie (C) Chiara Nicoletto

Im Bereich des Nachhaltigen Konsums wird es durch Online-Angebote wie Avocadostore, Freecycle, Drivy oder Fairteilen leichter, faire und gebrauchte Sachen zu kaufen oder zu teilen. Die Digitalisierung bietet hier das Potential, das Konsumniveau nachhaltiger zu gestalten bzw. zu senken und Ressourcen zu sparen. Aber der allgemeine Konsumtrend zeigt, dass diese Optionen gesamtgesellschaftlich bislang noch zu wenig genutzt werden. Zudem steigt der Onlinehandel stetig an: im Durchschnitt der letzten 10 Jahre um 17 % … jährlich (!). Aus Nachhaltigkeitssicht problematisch daran ist, dass der herkömmliche Handel im Ausgleich dazu nicht sinkt, sondern ebenso weiter wächst, wenn auch nicht so rasant, um nur 1 % pro Jahr. Trotz aller nachhaltigen Optionen für den Wiederverkauf gebrauchter Waren, Do it yourself und Teilen wirkt die Digitalisierung bislang also insgesamt konsumsteigernd und nachhaltige Online-Optionen werden eher als Ergänzung statt als Alternative genutzt. Zudem tragen Werbung und Marketing schon lange dazu bei, dass das Konsumniveau im globalen Norden aus umweltpolitischer Sicht viel zu hoch ist. Big Data-Analysen und Personalisierung von Werbung eröffnen nun weitere Wege, um laufend neue Konsumwünsche zu wecken. Unsere gesammelten Daten werden dazu genutzt, uns immer mehr Sachen anzudrehen, von denen wir bis vor Kurzem gar nichts wussten und die wir uns nun sehnlichst wünschen. Aufgrund der Personalisierung werden wir im Internet von noch mehr Produkten umworben, die ziemlich genau unsere Interessen treffen. Das macht es schwerer, dem Angebot zu widerstehen. Das Internet hat sich von seiner ursprünglichen Idee des Informationsaustausches hin zu einer riesigen, personalisierten Verkaufsmaschine entwickelt. Und je mehr Zeit, Mühe und Kosten durch Digitalisierung gespart werden, desto mehr wird in der Regel auch konsumiert.

Denkst du noch oder twitterst du schon?
Digitalisierung_WLAN-Welt

WLAN World (C) Johannes Wendsche

Ein Vergleich von Ökobilanzen digitaler bzw. konventioneller analoger Dienstleistungen, also der Vergleich zwischen E-Book und Buch, zwischen CD-Kauf und Streaming oder zwischen Online-Shopping oder Einkauf im Geschäft, zeigt oft keine signifikanten Unterschiede. Ob die eine oder die andere Umweltauswirkung gravierender ist, entscheidet sich mit dem Nutzungsverhalten des Endverbrauchers. Allerdings verändert die Bequemlichkeit des erleichterten Abrufs die Anzahl und Frequenz der Nutzungen und führt zum Rebound-Effekt. Dieser beschreibt, dass eventuelle Effizienz-Einsparungen bei einem einzelnen Produkt durch den Mehrkonsum von vielen Produkten wettgemacht bzw. häufig sogar ins Negative gekehrt werden. Beispiele dafür gibt es viele. Oft wird jedes einzelne Endgerät zwar immer energieeffizienter, aber gleichzeitig nutzen wir sie öfter am Tag, über längere Stunden, auf größeren Bildschirmen oder schnelleren Rechnern. Außerdem müssen durch stetigen Systemwechsel im IT-Bereich ständig neue Geräte angeschafft werden, die am Ende noch zu den funktionstüchtig im Keller gelagerten Schallplattenspielern, Kassettenrekordern, Stereoanlagen, Walkmans, CD-Playern, Discmans etc. dazukommen.

Nicht nur Datenmüll
Digitalisierung_The Apple Tree

The Apple Tree (C) Nadine Michailow

Allein 2015 wurden 42 Megatonnen Elektroschrott aussortiert – so viel wie das Gewicht aller PKW auf deutschen Straßen zusammen. Auch die Warenverpackungen (Paketkartons, Styroporhüllen, Plastikfolien) des Onlinehandels produzieren viel Müll. In den 1990ern war es dank umweltpolitischer Anstrengungen in Deutschland gelungen, die Menge an Verpackungsmaterialien auf 13 Millionen Tonnen zu verringern. Doch seitdem der Verbrauch wieder zunimmt, wachsen auch die Müllberge wieder an, 2014 bspw. auf 18 Millionen Tonnen Verpackungsmüll. Und selbst wenn ein Teil dieser Materialien recycelt werden kann: auch Recycling kostet Energie und lässt sich nicht endlos wiederholen. Und nicht jeder „Müll“ landet auf einem Entsorgungsplatz. Neben dem physischen Müll entsteht auch gasförmiger Abfall. Der CO2-Ausstoß des gesamten Internets war bereits im Jahr 2007 so hoch wie der des weltweiten Flugverkehrs.

Geht Digital auch Sozial?
Digitalisierung_kotzender Twittervogel

Bird Vomits (C) Chiara Nicoletto

Das World Wide Web ist gleichzeitig Chance und Bedrohung: Menschen können wie nie zuvor kommunizieren, sich koordinieren und Menschenrechtsverletzungen öffentlich machen. Menschenrechte wie die Meinungs- und Informationsfreiheit werden dadurch gestärkt. Doch gerade deshalb ist das Internet auch ein „lohnendes Ziel“ für staatliche Eingriffe wie Massenüberwachung, gezielte Überwachung, Zugangssperren, Zensur bis hin zu Übergriffen (siehe z.B. den Fall des saudischen Bloggers Raif Badawi). Die, spätestens durch Edward Snowden bekannt gewordene, unverhältnismäßige Sammlung und Verarbeitung personenbezogener Daten durch den Staat selbst oder durch Privatunternehmen, denen der Staat keine ausreichenden gesetzlichen Beschränkungen auferlegt, ist ein tiefer Eingriff in das Recht auf Privatsphäre.

Unseren digitalen Müll räumen andere weg
Digitalisierung_Scheinwelt

Illusory World (C) Johannes Wendsche

Das World Wide Web steckt auch voll mit World Wide Dreck, den wir – die Nutzer*innen von sozialen Netzwerken – nicht zu Gesicht bekommen sollen. Denn es könnte dem Image der sozialen Plattformen schaden. Algorithmen können Bildinhalte erkennen, aber nicht einordnen. Sogenannte Content Moderator*innen in Niedriglohnländern überprüfen im Auftrag von Facebook, Google & Co das Internet. Der Dokumentarfilm „The Cleaners“ von Hans Block und Moritz Riesewieck zeigt, wie diese unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen pro Tag 25.000 Fotos und Videos mit verstörenden pornografischen, rassistischen, sadistischen und gewalttätigen Inhalten bewerten müssen. Unter enormem Zeitdruck müssen sie nach intransparenten Kriterien entscheiden, ob sie Inhalte löschen oder weiterhin im Netz lassen. Diese Arbeit impliziert eine hohe psychische Belastung und hinterlässt schwerwiegende Folgen bei den Betroffenen. Außerdem stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien IT-Unternehmen entscheiden, welche Inhalte ihre Nutzer*innen sehen dürfen und welche nicht und wie sie damit auch die reale Welt beeinflussen.

Trittbrettfahrer am Gemeinwohl
Digitalisierung_Apfel

Apple (C) Chiara Nicoletto

Internetkonzerne tragen – durch eine ausgeklügelte Steuer-Vermeidungsstrategie, die der rechtlich noch zu wenig regulierte digitale globale Raum möglich macht,- kaum zur Finanzierung der digitalen Infrastruktur bei.  Internationale IT-Unternehmen tragen auch nicht zur Finanzierung des Gemeinwesens bei, obwohl IT-Konzerne inzwischen zu den finanzstärksten Unternehmen gehören. Darüber hinaus nutzen sie Telefon-Datenkabel und sonstige digitale Infrastruktur kostenlos ohne sich entsprechend an deren Schaffung und Unterhalt zu beteiligen. Demgegenüber liegt ein wesentlicher Teil des Internets (z.B. Rechenzentren) in der Hand relativ weniger großer privater Unternehmen. Dies wirft Fragestellungen im Kontext demokratischer Prozesse und globaler Gerechtigkeit auf. Zum Beispiel: Wie wird eine Netzneutralität, also die unabhängige Übertragung von Daten in Bezug auf Inhalt, Absender*innen und Empfänger*innen, gewährleistet? Was passiert in Gegenden in denen ein leistungsfähiges Netz nicht profitabel betrieben werden kann?

Digital Na(t)ive
Sukuma Award Postkarte 2018

Sukuma Award Postkarte 2018 (C) Carolin Fritzsche

Prinzipiell bietet der Megatrend Digitalisierung etliche Möglichkeiten für umweltgerechtere Produktions- und Konsumweisen. Die bestehenden gesetzlichen, ökonomischen, politischen und kulturellen Rahmenbedingungen führen jedoch dazu, dass soziale und ökologische Probleme mit voranschreitender Digitalisierung eher verschärft als gemindert werden. Unkritische Herangehensweisen, die sich in der Parole „Digitalisierung first, Bedenken second“ spiegeln, werden nicht zur Nachhaltigkeit beitragen. Stattdessen gilt es, gut nachzudenken und klug zu steuern, solange die Gestaltungsfenster offen sind. Denn hat sich ein digitales System erst einmal etabliert, ist es schwer, die Weichen wieder in Richtung Sozialökologische Wende zu verstellen. So besteht immer die Gefahr, dass eine Digitalisierung unter den bestehenden ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen viele gesellschaftliche Probleme eher noch verschärfen dürfte.

DU WILLST DARAN ETWAS ÄNDERN? DANN DENKE DIR EINE FILMIDEE DAZU AUS!