Thema 2016/17: Teilen

Ressourcenverschwendung, Überproduktion, Umweltbelastung entgegenwirken und gleichzeitig das Gemeinschaftsgefühl stärken – geht das? Ja, durch Teilen.

Meins, meins, meins – Wie viel haben wir da eigentlich?
Gerd Altmann (via pixabay)

(CC) Gerd Altmann (via pixabay)

  • 10.000 Gegenstände besitzt einE EuropäerIn durchschnittlich.
  • 13 Minuten wird eine Bohrmaschine während ihrer gesamten Lebensdauer durchschnittlich benutzt.
  • 95 % der Zeit oder 23 Stunden täglich wird ein PKW nicht als Fahrzeug genutzt, sondern ist ein „Stehzeug“.
  • 25 % der Lebensmittel in Deutschland werden weggeworfen.
  • 4 kg der gekauften Kleidung bleiben pro Jahr ungetragen und 40 % der Kleidung landet so gut wie ungetragen im Müll.
  • 57 % der Kuscheltiere und 25 % der verschenkten Parfüms werden nicht benutzt.
  • 18 % der gekauften Bücher werden nicht gelesen.
Wie schwer sind unsere Konsumgüter?
Steve Buissinne via pixabay

(CC) Steve Buissinne (via pixabay)

Der durch unser Konsumverhalten bedingte Verbrauch an Ressourcen ist immens und übersteigt das deutlich, was die Erde auf lange Sicht bereitzustellen in der Lage ist. Das Problem dabei: Einem Produkt sieht man nicht immer an, wie viele Ressourcen zu seiner Herstellung notwendig waren. So wird angenommen, dass durchschnittlich etwa 90 % der natürlichen Ressourcen, die von der Herstellung, über Gebrauch bis hin zur Entsorgung eines Produktes oder einer Dienstleistung nötig sind, verloren gehen. Das Konzept des Ökologischen Rucksacks ermöglicht die Erfassung dieses versteckten Ressourcenverbrauchs und der ökologischen Folgen, die die Bereitstellung bestimmter Güter verursacht:

  • Eine 600 Gramm leichte Jeans hat einen ökologischen Rucksack von 32 kg.
  • Ein 5 Gramm schwerer Goldring einen von 2.000 kg.
  • Um 1 kg Rindfleisch herzustellen, werden 15.000 Liter Wasser, 14 kg Weizen, 27 – 49 m² Fläche verbraucht und bis zu 27 kg Kohlendioxid fallen an.
  • Für ein Handy benötigt man 1.300 Liter Wasser, 72 m² Fläche und 60 verschiedene Materialien, u.a. 30 Metalle wie Kupfer, Gold, Platin oder Lithium und seltene Erden.
Wir gehen mit dieser Welt um, als hätten wir zwei weitere in petto
Gerd Altmann (via pixabay)

(CC) Gerd Altmann (via pixabay)

Eigentlich logisch: Angesichts einer begrenzten Welt ist eine unbegrenzte Nutzung natürlicher Ressourcen nicht möglich. Wir zerstören durch die Schädigung von Ökosystemen, den Verlust von Biodiversität und nicht nachwachsenden Rohstoffen nicht nur unsere eigene Lebensgrundlage, sondern die aller anderen Lebewesen gleich mit. Deutlich gemacht wird diese zunehmende Übernutzung durch den sogenannten „Earth Overshoot Day“. Dieser Tag markiert den Zeitpunkt, an dem wir alle natürlichen Ressourcen aufgebraucht haben, die uns für das gesamte Jahr zur Verfügung gestanden hätten. Seit etwa Ende der 1980er Jahre fällt dieser Tag jährlich auf ein früheres Datum, 2016 war es bereits der 08. August. Der global rasant wachsende Anstieg unseres Ressourcenverbrauchs wird verursacht durch den globalen wirtschaftlichen Aufschwung und exponentielles Bevölkerungswachstum. Dabei konsumieren die Einwohner ‚reicher‘ Länder immer noch das bis zu Zehnfache der Einwohner der ärmsten Länder. Mit jährlich drei Tonnen pro Person ist Europa der führende Netto-Importeur von Rohstoffen. Würden alle Menschen einen Lebensstil und eine Wirtschaftsweise wie wir in Deutschland praktizieren, wären drei Planeten nötig, um den Ressourcenverbrauch zu decken.

Globale Folgen unseres Konsums
Tagebau Garzweil Raimond Spekking, CC BY-SA 3.0 (via Wikimedia Commons)

(CC) Raimond-Spekking, CC BY-SA-3.0 (via Wikimedia-Commons)

In den wohlhabenden Ländern des globalen Nordens werden die Folgen dieser Ressourcenübernutzung noch nicht als existentielle Bedrohung wahrgenommen. Anders sieht das in den Ländern des globalen Südens aus: vom Verlust der Biokapazität sind in erster Linie ärmere Menschen direkt betroffen, die mittelbar auf Ökosystemleistungen und Rohstoffe angewiesen sind. So lange dies ein lokal begrenztes Phänomen bleibt, verringert sich vor Ort die Kaufkraft und Produkte verteuern sich. Wenn es jedoch weltweit geschieht, wächst die globale Armut und Krisen entstehen. So bewerten Experten exzessive Grundwasserförderung, Übernutzung des Bodens durch grasende Tiere und intensive Landwirtschaft als Ursachen für eine dem derzeitigen Konflikt in Syrien vorausgegangene Hungersnot. Der Verlust an Biokapazität wird in der Regel nicht als ökologisches Problem wahrgenommen, sondern in erster Linie als schlechtes Management, als überraschende Dürre oder als Verteilungsproblem ausgemacht. Es kommt zu Spannungen und Auseinandersetzungen bis hin zu Wirtschafts- und Ressourcenkriegen, Flucht und Migration.

Was also tun?
Gerd Altmann (via pixabay)

(CC) Gerd Altmann (via pixabay)

Für eine nachhaltige globale Gesellschaft muss der Ressourcenverbrauch pro Kopf gesenkt werden. Damit das gelingt, ist eine effizientere Gestaltung von Produktionsprozessen, Technologien und Produkten allein nicht ausreichend. Wir brauchen eine Veränderung der Konsumkultur in Richtung eines verringerten, ressourcenschonenden und gemeinschaftlichen Konsums (Suffizienz).

Was hat sie, was ich nicht hab?
Streetart Alan Levine (via Flickr)

(CC) Alan Levine (via Flickr)

Zwar nimmt der Konsum von Neuwaren noch immer zu, doch hat sich in den letzten Jahren parallel dazu eine sozial-ökologische Bewegung herausgebildet, die etwas anderes versucht: Werkzeuge, Autos, Bücher, Spielzeuge und Kleidung werden bereits geteilt, getauscht und verliehen. Doch auch der Inhalt des Kühlschranks kann vor der Fahrt in den Urlaub nicht im Müll, sondern beim Foodsharing landen. Güter, Räume und Flächen müssen bei diesen Konzepten nicht im Besitz von Einzelnen sein, ihre Nutzung erfolgt vorübergehend und zeitlich begrenzt. Produkte legen dadurch ihre Schnelllebigkeit ab und werden von Konsum- zu Zirkulationsgütern. Darüber hinaus können auch immaterielle Ressourcen wie Wissen, Fähigkeiten und Erfahrungen geteilt werden. Teilen bietet also eine Alternative zur ressourcenintensiven Überproduktions- und Wegwerfkultur.

Eine der ältesten Verhaltensformen der Menschen
Bücherregal Freiburg_Florian Pigorsc, CC BY-SA 3.0. (via Wikimedia Commons)

(CC) Florian Pigorsc, CC BY-SA 3.0. (via Wikimedia- Commons)

Neu ist das alles allerdings nicht. „Ko-Konsum“, Kollaborativer Konsum, wird schon lange praktiziert; bspw. in Form von Büchereien, Waschsalons, Wohngemeinschaften. Bereits die Umweltbewegung in den 1970er Jahren verschrieb sich dem Motto „Nutzen statt Besitzen“. Beim Blick in die Geschichte der Menschheit findet man zahlreiche Formen des Teilens, so z.B. auch das Allmende- oder Gemeingutsystem präfeudaler Gesellschaften. Gerade wird dies neu entdeckt. So hat sich bereits die Hälfte der Deutschen in „Ko-Konsum“ versucht. Ein Viertel hat schon einmal selten genutzte Gegenstände gemietet statt sie zu kaufen. Das Internet mit diversen Plattformen und Apps erleichtert die Organisation dieser Nutzungspartnerschaften. Dabei steht nicht unbedingt das politische oder ökologische Interesse – wie bspw. bei Foodsharing-Netzwerken, die sich als Reaktion auf die Lebensmittelverschwendung bildeten –, sondern oft der persönliche Vorteil im Vordergrund. Geteilt und getauscht wird derzeit vor allem auch um finanzielle, zeitliche und räumliche Ressourcen zu schonen.

Teilen als soziale Interaktion
Kindersaft Clappstar (via Flickr)

(CC) Clappstar (via Flickr)

Klar ist: Teilen gehört zu den sozialen Kompetenzen eines jeden Menschen. Bereits Kinder lernen, dass Teilen positive Reaktionen verursachen kann. Dass Teilen Freunde macht, belegen außerdem wissenschaftliche Studien, denn der soziale Austausch ist die Basis aller Teil- und Tauschvorgänge. Organisieren sich Privatpersonen in Leih- und Tauschnetzwerken, bilden sich neue Gemeinschaften oder medial gestützte Communities. Als unmittelbarer Effekt stärkt Teilen so das Gemeinschaftsgefühl und kann das soziale Umfeld beleben.

Nicht überall wo Teilen draufsteht, ist Nachhaltigkeit drin
Streetart_Jonathan McIntosh (via Flickr)

(CC) Jonathan McIntosh (via Flickr)

Teilen muss jedoch nicht automatisch nachhaltig sein, z.B. wenn es in kapitalistisch-expansive Strukturen eingebunden bleibt oder durch Kosteneinsparungen zu Mehr-Konsum führt (der sogenannte Rebound-Effekt). Nachhaltiges Teilen ersetzt Kaufen/Besitzen und ergänzt es nicht nur. Wenn jedoch global agierende Player wie bspw. Airbnb und Uber Arbeits- und Rechtsstandards unterlaufen, resultiert daraus eine Schattenwirtschaft, die staatlich nicht kontrolliert wird und zum Ausbau des Niedriglohnsektors führt. Eine Sharing Economy darf menschliche (Tausch- und Teil-)Beziehungen nicht zu einer Ware und Gefälligkeiten unter Nachbarn nicht zu Geschäften machen. Darüber hinaus bestimmen die Rahmenbedingungen das Potential der Ressourcenschonung entscheidend. Ein langer Transportweg zwischen altem und neuem Nutzer bspw. verringert die Einsparungen. Wird die Nutzungsphase alter, ineffizienter Geräte verlängert, kann auch dies letztendlich weniger ökologisch sein, als ein effizienteres Gerät neu zu erwerben.