Dein Urlaub hat Gewicht

Wir machen Urlaub! Zumindest thematisch. Unter dem Motto „Dein Urlaub hat Gewicht“.

 

Meinen Urlaub, den lass ich mir nicht nehmen
VW Camper, Free-Photos, pixabay

(CC) VW Camper, Free-Photos (pixabay)

Kommt Dir das bekannt vor? „Ich achte echt schon auf viel: Ich kaufe fair gehandelten Kaffee. Ich fahre öfters Rad. Und ich nehme einen Beutel mit zum Einkaufen. Aber in meinem Urlaub kann ich nicht mich nicht auch noch einschränken. Sind ja nur zwei Wochen im Jahr.“
Fakt ist aber, dass gerade unsere Reisen einen sehr großen Anteil an unserem ökologischen Fußabdruck haben. Denn alles, was wir tun, hat Folgen – auch unser Urlaub. Allzu oft sind die Spuren im Sand nicht das Einzige, was wir an den Traumstränden dieser Welt hinterlassen. Es ist also an der Zeit, unser Urlaubsverhalten kritisch zu hinterfragen. Denn wusstest Du, dass:

  • … von jedem Euro, den Tourist*inen in einem Urlaubsland im globalen Süden ausgeben, 40 – 75 Cent das Land wieder verlassen?
  • … mit dem Wasser eines Golfplatzes auf den Philippinen rund 65 Hektar Ackerland bewässert oder 60.000 Dorfbewohner*innen mit Trinkwasser versorgt werden könnten?
  • … in einem Luxushotel rund 600 Liter pro Gast und Tag für bspw. Pool oder Rasenbewässerung verbraucht werden und dies das 7-fache des sächsischen Pro-Kopf-Verbrauchs ist?

 

Urlaub kann man nicht verschieben
Welt Agentur Reise Urlaub ADMC (pixabay)

(CC) Welt Agentur Reise Urlaub ADMC (pixabay)

Seit Jahrzehnten sind wir Deutschen Reiseweltmeister. Fast 82 Millionen Passagiere flogen 2015 von deutschen Flughäfen ab. Also flog prozentual jede*r Deutsche einmal außer Landes. Die jährliche Erholungsreise an die Sonnenplätze dieser Welt ist immer mehr zur gesellschaftlichen Normalität geworden. Mit weltweit wachsenden Mittelschichten und mehr Geld, das damit jedem zur Verfügung steht, steigt auch die Zahl der Menschen, die verreisen. Dennoch ist das (Fern-)Reisen nur einigen Privilegierten vorbehalten, denn laut Schätzungen haben weniger als 10 % der Weltbevölkerung jemals eine internationale Grenze übertreten. Obwohl also nur ein kleiner Teil der Menschen immer mehr reist, sind die ökonomischen, sozialen und ökologischen Folgen des Tourismus deutlich spürbar. Aus diesem Grund hat die UN-Generalversammlung das Jahr 2017 zum „Internationalen Jahr des Nachhaltigen Tourismus für Entwicklung“ erklärt. Dies soll deutlich machen, dass grundlegende Regeln beachtet und die negativen Auswirkungen von Reisen auf Klima, Umwelt und die lokale Bevölkerung verringert werden müssen, damit Tourismus zu einer wirtschaftlichen Entwicklung der bereisten Länder beitragen kann. Mit dem sogenannten „Global Code of Ethics for Tourism“ der UNWTO, der Weltorganisation für Tourismus der Vereinten Nationen, wurden dazu schon 1999 relevante Prinzipien definiert. Diese müssen aber von Regierungen, Tourismusbetreibenden und Tourist*innen anerkannt und umgesetzt werden.

Außer Spesen nichts gewesen
Oia Mariamichelle (pixabay)

(CC) Oia Mariamichelle (pixabay)

1,2 Milliarden Auslandsreisen zählte die UNWTO 2015 weltweit. Bis 2030 sollen es fast 2 Milliarden internationale Reisende sein. Denn noch nie waren Fernreisen so billig. Fast die Hälfte aller Reisen führen in die Länder des globalen Südens, was dem Tourismus einen bedeutenden Stellenwert in den Nord-Süd-Beziehungen gibt.
Tourismus gilt weltweit als einer der wichtigsten Wirtschaftszweige mit über 255 Millionen Beschäftigten und schafft in der Saison fast jeden 11. Job. Er schafft dabei auch in strukturschwachen Regionen Arbeitsplätze im niedrigschwelligen Dienstleistungsbereich. Viele Länder erhoffen sich vom Tourismus daher wirtschaftlichen Aufschwung und nehmen dabei häufig – freiwillig oder unfreiwillig – negative Auswirkungen in Kauf. Wenn nicht ausländische Investoren in große Infrastrukturprojekte investiert haben (und dann auch wieder die daraus resultierenden Gewinne abziehen), nehmen gerade ärmere Länder hierfür häufig Schulden bei der Weltbank auf. Das erhöht ihre Abhängigkeit von der Tourismusbranche.
Problematisch ist dabei auch, dass häufig weniger als ein Drittel der Einnahmen aus touristischen Reisen in den Kassen des bereisten Urlaubslandes verbleibt. Das meiste verdienen einige wenige globale Tourismuskonzerne. Generell ist der wirtschaftliche Nutzen vom Tourismus fast immer ungleich in der Bevölkerung verteilt. In der Regel profitiert nur eine Minderheit von den Gewinnen, wohingegen die erhöhte Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen durch die Tourist*innen die Preise steigen lässt. Dies hat eine schlechtere Verfügbarkeit für die lokale Bevölkerung zur Folge und kann zu sozialen Spannungen führen.

Wer das Geld hat, bestimmt
Kupari Grand Hotel AliceKeyStudio (pixabay)

(CC) Kupari Grand Hotel AliceKeyStudio (pixabay)

Länder mit hoher Abhängigkeit vom Tourismus entwickeln eine gefährliche wirtschaftliche Einseitigkeit. Das vielgepriesene Argument des Tourismus als Einkommensquelle hat also eine Kehrseite. In den lokalen Ökonomien kommt es zu einer wirtschaftlichen Strukturverschiebung hin zu einer allein auf Tourismusdienstleistungen ausgerichteten Wertschöpfung. Die damit einhergehende Zerstörung traditioneller Arbeits- und Lebensweisen kann zur existentiellen Abhängigkeit von kaufkräftigen Besucherströmen führen. Geht der Tourismus zurück – z. B. aufgrund der politischen Lage, wegen Umweltkatastrophen o. ä. – hat das starke negative Auswirkungen auf die Wirtschaft des gesamten Landes.

Kollateralschäden westlicher Reisepraktiken
Insel im Glas Comfreak (pixabay)

(CC) Insel im Glas Comfreak (pixabay)

Tourismus hat häufig gravierende Folgen für die Umwelt der Reiseziele. An den – wie der Soziologe Stephan Lessenich sagt – „Zielorten des wohlstandskapitalistischen Fernwehs“ werden oft die natürlichen Ressourcen ausgeschöpft, Wälder gerodet, Trockengebiete bewässert, Feuchtgebiete ausgetrocknet und ganze Ökosysteme zerstört. Der Flächenbedarf des Tourismus ist enorm. Touristische Infrastrukturmaßnahmen, wie der Ausbau von flächenintensiven Hotel- und Freizeitanlagen sowie Camping- und Golfplätzen verursachen häufig massive Umweltschäden, vor allem weil Tourismus-Projekte meistens in landschaftlich reizvollen, intakten Lebensräumen errichtet werden. Infolge von Off-Road-Fahrten, Trittschäden oder dem Sammeln von Pflanzen wird die Vegetation stark belastet. Lokale Populationen verschiedener Tierarten werden durch Jagd, Fischerei, Vertreibung, Wilderei und Souvenirhandel mit Produkten aus bedrohten Tierarten dezimiert. Wasser wird für Swimmingpools, die Bewässerung von Golfplätzen und Grünanlagen und durch den hohen Verbrauch von Tourist*innen in hohem Maß verwendet. Generell sind der Energie- und Wasserverbrauch sowie das Müllaufkommen im Urlaub wesentlich höher als zu Hause. Gerade in Ländern des globalen Südens gibt es zudem häufig kein effizientes Abwasser- und Müllmanagement, was große ökologische Schäden durch den Eintrag von Umweltgiften zur Folge hat.

Korallenriffe bald zerstört? Da muss ich vorher nochmal hin
Flugzeug Wiese ThePixelman (pixabay)

(CC) Flugzeug Wiese ThePixelman (pixabay)

Der Klimawandel wirkt sich schon heute verheerend auf viele Länder des globalen Südens aus. Tourismus befeuert diese Tendenzen durch seine hohen Treibhausgasemissionen, vor allem bei An- und Abreise sowie bei Transporten vor Ort. Laut Tourism Watch ist Tourismus für 5 – 8 % aller weltweiten Treibhausgas-Emissionen verantwortlich. Das Flugzeug ist dabei das klimaschädlichste aller Verkehrsmittel. Eine einzige Fernflugreise übersteigt bereits wesentlich das klimaverträgliche Emissionsbudget, das einem Menschen für ein ganzes Jahr zur Verfügung steht. Zudem werden durch das Fliegen Treibhausgase und Schadstoffe in die oberen Atmosphärenschichten eingebracht, wo sie noch gravierendere Auswirkungen haben als am Boden. Rechnet man diesen Faktor dazu, verursacht der Flugverkehr bis zu 10 % der vom Mensch verursachten Klimaerwärmung.
Insgesamt hat der Tourismus einen erheblichen Anteil am weltweiten Verkehrsaufkommen (nicht nur im Personen- sondern auch im Warenverkehr) und an der Klimabelastung. Tendenz steigend. Aber es gibt gewaltige Unterschiede in der CO2-Bilanz verschiedener Urlaubsformen, wie der WWF berechnet hat. So verursacht eine zweiwöchige All-Inclusive-Reise nach Mexiko 7.200 kg CO2-Emissionen, während für die gleiche Reisedauer in einer Ferienwohnung an der Ostsee „nur“ 258 kg CO2 anfallen. Im Vergleich dazu verursacht man beim sprichwörtlichen Urlaub auf „Balkonien“ nur 58 kg CO2.

Urlaubstraum vs. Lebensraum
Griechenland tpsdave (pixabay)

(CC) Griechenland tpsdave (pixabay)

Die genannten ökonomischen und ökologischen Folgeerscheinungen des Tourismus gehen auf Kosten der lokalen Bevölkerung. Während der Tourismus einerseits Arbeitsplätze und Einkommen schafft, untergräbt er andererseits häufig auch die Rechte der einheimischen Menschen in den Urlaubsregionen. Im Zusammenhang mit touristischen Aktivitäten werden mancherorts Menschen in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt, ihre Beteiligung an Entscheidungen behindert und diskriminiert, indem sie bspw. von touristisch interessanten Orten plötzlich ausgeschlossen werden. Bäuer*innen und Fischerfamilien werden in einigen Regionen und Ländern enteignet oder indigene Gemeinschaften ohne angemessene Entschädigung von ihrem Land vertrieben, um z. B. touristische Großprojekte zu realisieren.
Die Nutzung der vorhandenen Ressourcen, wie Wasser, Energie und Nahrung, durch den Tourismus kann insbesondere bei Ressourcenknappheit zu einem Nutzungskonflikt führen, da sie für die lokal Ansässigen nicht mehr zur Verfügung stehen. Darüber hinaus werden – gerade bei den im Tourismussektor arbeitenden Menschen, aber auch im informellen Sektor – oft das Recht auf Gesundheit und menschenwürdige Arbeit, das Recht auf Schutz vor Zwangsarbeit und sexueller Ausbeutung, das Recht auf einen angemessenen Lebensstandard sowie der Zugang zu Nahrung, Wasser und (Energie-)Ressourcen verletzt. So untergräbt Tourismus häufig die Rechte der Menschen in den Urlaubsregionen und beeinflusst die traditionelle Lebensweise und Kultur der Bevölkerung vor Ort.

Ist Urlaub elitär?
Flughafen Verkehr Mädchen JESHOOTS (pixabay)

(CC) Flughafen Verkehr Mädchen JESHOOTS (pixabay)

Ans Meer oder in die Berge? Viele Menschen müssen oder können sich diese Frage überhaupt nicht stellen. Denn die positiven und menschenverbindenden Möglichkeiten von touristischen Aktivitäten sind global höchst ungleich verteilt. In den Ländern des globalen Nordens mit gut bewachten Grenzen, also in „geschlossenen Gemeinschaften“ hat die Bevölkerung deutlich mehr Chancen, in andere Länder zu reisen. Das bezieht sich einerseits auf die materielle Option, sich das Reisen leisten zu können und andererseits auf die rechtliche Möglichkeit, dies auch zu dürfen. So haben – wie der Soziologe Steffen Mau herausgefunden hat – wir Deutschen die Möglichkeit, in 79 Länder visumsfrei einzureisen, im Gegenzug dürfen Bürger*innen aus nur 58 Staaten ohne Visum zu uns kommen. Und ganz nebenbei: auch jede*r fünfte Deutsche kann sich keinen Urlaub leisten.

Der neue westliche Freizeitkolonialismus
Interessant sharonang (pixabay)

(CC) Interessant sharonang (pixabay)

Reisen bietet eine Möglichkeit des Austausches zwischen Menschen verschiedener Kulturen, bei dem beide Seiten einen kleinen Einblick in das Leben des anderen gewinnen können. Reisen hat aber auch eine rassistische Perspektive: Das kultur-touristische Sight-Seeing wurde längst durch das Life-Seeing der Alltagskultur ergänzt. Man „konsumiert“ das vermeintlich „Exotische“, das „Fremde“ und „Unberührte“. Gerade diese, im Tourismus zum alltäglichen Geschäft gehörende, Wertschätzung des Fremden ist Teil rassistischen Denkens und Handelns. Exotische Projektionen auf die bereisten Menschen werden selten hinterfragt. Über die individuelle Abgrenzung der eigenen Lebensrealität zur Andersartigkeit des im Urlaub Besuchten werden regionale und kulturelle – auch rassistische – Grenzen angenommen, hergestellt und verfestigt. So baut der Tourismus mit an der symbolischen Ordnung der Welt: Dem aktiven, freien und mobilen Teil der Menschheit stellen wir den anderen Teil gegenüber, der sich nicht weiterentwickeln darf, um weiterhin als „authentisch“ wahrgenommen werden zu können. Dadurch entsteht eine Welt, die aus einer überlegenen Zivilisation und vielen zu bereisenden, der Zivilisation entgegengesetzten, Kulturen besteht. Die früheren Kolonist*innen bereisen dabei die ehemaligen Kolonisierten; selten umgekehrt. Die „touristischen Eroberungen“ des Planeten sind also weiterhin den Menschen des globalen Nordens vorbehalten.

All exclusive: Umwelt und Menschenrechte
Waffe Kamera FlanellKamerasFilm (pixabay)

(CC) Waffe Kamera FlanellKamerasFilm (pixabay)

Für unseren Wohlstandstourismus heißt dies: Aus den Menschenrechten auf Freizeit und Freizügigkeit lässt sich kein Recht auf Tourismus ableiten, vor allem dann nicht, wenn dadurch andere Menschen in ihren Rechten beschnitten werden. Unser massenhaftes Reisen hat Folgen, die nicht nur positiv sind. Der Tourismus setzt innerhalb relativ kurzer Zeiträume starke ökonomische, ökologische und gesellschaftliche Veränderungsprozesse in Gang. Es schwinden nicht nur die Lebensgrundlagen, sondern auch die kulturelle Identität und die tradierten Wertesysteme der lokalen Bevölkerung. Mehr als 60 Jahre nach dem Inkrafttreten der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ ist es also dringend angebracht, auch im Tourismus menschenrechtliche Standards verbindlich zu verankern, um eine sozial nachhaltige touristische Entwicklung zu gewährleisten. Daneben müssen wir ebenso die ökologische und die ökonomische Tragfähigkeit unseres Reiseverhaltens garantieren, um uns nicht auf Kosten anderer zu erholen.