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Homo digitalis – existiert er schon oder kommt er erst noch?
 

Digital – jetzt auch real

Digitalisierung ist in aller Munde, … und in allen Händen und Köpfen, Küchen, Häusern, Städten, Arbeitsstellen, Betten. Ganz selbstverständlich dringt sie mit den vielen Geräten und Anwendungen der Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) in immer mehr unserer Lebensbereiche ein. Wir befinden uns mitten in der digitalen Revolution. Und die wird alles ändern: die Geschäftsfelder, unsere Kommunikation, Herstellungsverfahren und Konsumweisen. Mit dem Internet der Dinge (IoT), Big Data, künstlicher Intelligenz, Smart Cities oder selbstfahrenden Autos werden derzeit Visionen entworfen, die weitreichende Auswirkungen auf alle Lebens- und Wirtschaftsbereiche haben. Wir bei Sukuma arts fragen uns, ob diese Entwicklung auch zu einer nachhaltigen, ressourcenschonenden Welt beitragen kann. Potential dafür ist vorhanden, doch wird es gerade auf der Suche nach neuen Arbeitsplätzen, Innovationen, Comfort und Statussymbolen verspielt. Datenschutz- und IT-Sicherheit sind gerade sehr präsent, doch wir wollen auch auf ökologische, soziale und ökonomische Auswirkungen der Digitalisierung Aufmerksam machen. Wir haben im Vorfeld schon mal recherchiert und möchten euch mit den folgenden Themen für eure Clipidee inspirieren und natürlich auf unser aller Handeln hinweisen, um gemeinsam lebenswerte Alternativen zu finden.

Aus welchem Kriegsgebiet kommen deine Handyteile?
Digitalisierung_Geräte stehlen Rohstoffe

Revolution (C) Chiara Nicoletto

Schon bei ihrer Herstellung erfordern digitale Geräte, Infrastrukturen und Anwendungen enorm viele Ressourcen und Energie. Ein einzelnes Smartphone hat mit 5 g Kobalt, 15 g Kupfer, 22 g Aluminium scheinbar keinen sehr hohen Umweltverbrauch. Kritisch wird erst der Blick auf die Gesamtmenge: In den letzten 10 Jahren wurden weltweit über 7 Milliarden Smartphones verkauft, also 38.000 t Kobalt, 107.000 t Kupfer, 157.000 t Aluminium und Tausende Tonnen weitere Materialien verbaut. Und zu den Smartphones summieren sich die PCs, die Tablets, die MP3-Player, die Kameras etc. Noch dazu kommt die „unsichtbare“ digitale Infrastruktur in Form von Datenkabeln, Servern und Rechenzentren. 25 % des weltweit gewonnenen Silbers werden heute in IT-Produkten verbaut. Neben Silber stammen auch andere Rohstoffe der Elektroindustrie, wie Kobalt, Tantal, Platin oder Palladium aus Ländern, in denen Menschen unter unwürdigsten Bedingungen mit hohen Gesundheits- und Sicherheitsrisiken arbeiten müssen. Auch die Entsorgung der oft kurzlebigen Geräte als Elektroschrott findet häufig in Ländern des Globalen Südens statt und verursacht dort frühe Sterblichkeitsraten und Umweltschäden. Das Internet der Dinge (Internet of Things – IoT) mit weiterem Bedarf an vielen digitalen Geräten verschärft diese Entwicklung drastisch.

Kohlekraft für Deine Suchanfrage
Digitalisierung_Handy saugt Erde leer

Earth (C) Chiara Nicoletto

Wäre das Internet ein Land, hätte es weltweit gesehen den sechstgrößten Stromverbrauch. Der weltweite Stromverbrauch aller IKT (Anwendungen der Informations- und Kommunikationstechnologien) beläuft sich bereits heute auf 10 % der weltweiten Stromnachfrage, Tendenz steigend. Allein zwischen 2000 und 2005 hat sich der Stromhunger des World Wide Web verdoppelt. Das ist kaum verwunderlich. Die im Internet verarbeitete Datenmenge verdoppelt sich sogar alle vier Monate. Allein das Video-Portal YouTube produziert heute so viel Datenverkehr wie das gesamte Internet vor zwei Jahren. Das Internet der Dinge (IoT) wirbt mit stromsparenden Fähigkeiten, bspw. durch automatisches Lichtlöschen und Heizungsdrosseln bei Abwesenheit. Viele Geräte im IoT verbrauchen allerdings ebenso Strom. In Summe könnte dies zu einem deutlichen Zuwachs des Energieverbrauchs führen. Neben dem Energiebedarf für den Betrieb schlägt auch der für die Produktion deutlich zu Buche. Der Stromverbrauch für die Herstellung der 7 Milliarden weltweit produzierten Smartphones entspricht mit 250 Terawattstunden dem jährlichen Stromverbrauch von Ländern wie Schweden oder Polen. Daher gilt: je mehr wir in allen Lebens- und Wirtschaftsbereichen auf digitale Lösungen setzen, die nicht ohne Strom funktionieren, desto größer wird die Herausforderung sein, auf Erneuerbare Energien umzustellen. Andererseits wird eine flexible und bedarfsangepasste dezentrale netzgesteuerte Stromerzeugung nicht ohne digitale Vernetzung möglich sein.

Dein Home macht dich smart
Digitalisierung_Handykopf

Smart Head (C) Chiara Nicoletto

Nur ein Bruchteil der smarten Erfindungen ist darauf ausgelegt, die Stromnachfrage nachhaltiger, z. B. flexibler oder sparsamer, zu gestalten. Der weitaus größere Teil dient dem Komfort und verbraucht somit mehr Energie, auch wenn jedes einzelne Gerät sparsamer wird.Untersuchungen zur Energiebilanz von intelligenten Messsystemen zeigen, dass deren Nettoeffekte bedeutend geringer sind, wenn man die nötige Energie für Produktion und Gebrauch der Geräte mitrechnet. Werden komplette Haushalte zu Smart Homes ausgerüstet, besteht die Gefahr, dass funktionierende „Alt“-Geräte ausgetauscht und entsorgt werden. Die automatische Kommunikation und die digitale smarte Steuerung verbrauchen selbst ebenfalls Strom, der vorher nicht benötigt wurde. Aus diesen Gründen ist die Forderung nach einem moderaten Maß an Digitalisierung sinnvoll: So viel wie nötig und so wenig wie möglich.

Wie natural ist digital
Digitalisierung_Smombie

Smombie (C) Chiara Nicoletto

Im Bereich nachhaltiger Konsum wird es durch Online-Angebote wie Avocadostore , Freecycle, Drivy oder Fairteilen leichter, faire und gebrauchte Sachen zu kaufen oder zu teilen. Die Digitalisierung bietet hier also das Potential, das Konsumniveau nachhaltiger zu gestalten bzw. zu senken und Ressourcen zu sparen. Aber wie der allgemeine Konsumtrend zeigt, werden diese Optionen gesamtgesellschaftlich bislang noch zu wenig genutzt. Zudem steigt der Onlinehandel stetig an: im Durchschnitt der letzten 10 Jahre um 17 % … jährlich (!). Aus Nachhaltigkeitssicht problematisch daran ist, dass der herkömmliche Handel im Ausgleich dazu nicht sinkt, sondern ebenso weiter wächst, wenn auch nicht so rasant um nur 1 % pro Jahr. Trotz aller nachhaltigen Optionen für den Wiederverkauf gebrauchter Waren, Do it yourself und Teilen wirkt die Digitalisierung bislang also insgesamt konsumsteigerend und nachhaltige Online-Optionen werden eher als Ergänzung statt als Alternative genutzt. Zudem tragen Werbung und Marketing schon lange dazu bei, dass das Konsumniveau im globalen Norden aus umweltpolitischer Sicht viel zu hoch ist. Big Data-Analysen und Personalisierung der Werbung eröffnen nun weitere Wege, um laufend neue Konsumwünsche zu wecken. Unsere gesammelten Daten werden dazu genutzt, uns immer mehr Sachen anzudrehen, von denen wir bis vor Kurzen gar nichts wussten und die wir uns nun sehnlichst wünschen. Aufgrund der Personalisierung werden wir im Internet von noch mehr Produkten umworben, die ziemlich genau unsere Interessen treffen. Das macht es schwerer, dem Angebot zu widerstehen. Das Internet hat sich von seiner ursprünglichen Idee des Informationsaustausches hin zu einer riesigen, personalisierten Verkaufsmaschine entwickelt. Und je mehr Zeit, Mühe und Kosten durch Digitalisierung gespart werden, desto mehr wird in der Regel auch konsumiert.

Das Dilemma der Effizienzsteigerung
Digitalisierung_Apfel

Apple (C) Chiara Nicoletto

Ein Vergleich von Ökobilanzen digitaler bzw. konventioneller analoger Dienstleistungen, also der Vergleich zwischen E-Book und Buch, zwischen CD-Kauf und Streaming oder zwischen Online-Shopping oder Einkauf im Geschäft, zeigen oft keine signifikanten Unterschiede. Ob die eine oder die andere Umweltwirkung besser ist, entscheidet sich mit dem Nutzungsverhalten des Endverbrauchers. Allerdings verändert die Bequemlichkeit des erleichterten Abrufs die Anzahl und Frequenz der Nutzungen und führt zum Rebound-Effekt . Dieser beschreibt, dass eventuelle Effizienz-Einsparungen bei einem einzelnen Produkt durch den Mehrkonsum von vielen Produkten wett gemacht bzw. häufig sogar ins Negative gekehrt werden. Beispiele gibt es viele. Oft wird jedes einzelne Endgerät zwar immer energieeffizienter, aber gleichzeitig nutzen wir sie öfter am Tag, über längere Stunden, auf größeren Bildschirmen oder schnelleren Rechnern. Außerdem kommen durch stetigen Systemwechsel im IT-Bereich die ständig neuen Geräte obendrauf zu den funktionstüchtig im Keller gelagerten Schallplattenspielern, Kassettenrekordern, Stereoanlagen, Walkmans, CD-Playern, Discmans etc.

Nicht nur Datenmüll
Digitalisierung_The Apple Tree

The Apple Tree (C) Nadine Michailow

Allein 2015 wurden 42 Megatonnen Elektroschrott aussortiert – so viel wie das Gewicht aller PKWs auf deutschen Straßen zusammen. Auch die Warenverpackungen (Paketkartons, Styroporhüllen, Plastikfolien) des Onlinehandels produzieren viel Müll. In den 1990ern war es dank umweltpolitischer Anstrengungen in Deutschland gelungen, die Menge an Verpackungsmaterialien auf 13 Millionen Tonnen zu verringern. Doch seitdem der Verbrauch wieder zunimmt, wachsen auch die Müllberge wieder an, 2014 bspw. auf 18 Millionen Tonnen Verpackungsmüll. Und selbst wenn ein Teil dieser Materialien recycelt werden kann: auch Recycling kostet Energie und lässt sich nicht endlos wiederholen. Und nicht jeder „Müll“ landet auf einem Entsorgungsplatz. Neben dem physischen Müll entsteht auch gasförmiger Abfall. Der CO2-Ausstoß des gesamten Internets war bereits im Jahr 2007 so hoch wie der des weltweiten Flugverkehrs.

Menschenrechte im World Wide Web
Digitalisierung_kotzender Twittervogel

bird vomit (C) Chiara Nicoletto

Die Digitalisierung ist gleichzeitig Chance und Bedrohung: Menschen können wie nie zuvor kommunizieren, sich koordinieren und Menschenrechtsverletzungen öffentlich machen. Menschenrechte wie die Meinungs- und Informationsfreiheit werden dadurch gestärkt. Doch gerade deshalb ist das Internet auch ein „lohnendes Ziel“ für staatliche Eingriffe wie Massenüberwachung, gezielte Überwachung, Zugangssperren,Zensur bis hin zu Übergriffen(siehe z.B. den Fall Raif Badawi). Die, spätestens durch Edward Snowden bekannt gewordene, unverhältnismäßige Sammlung und Verarbeitung personenbezogener Daten durch den Staat selbst oder durch Private, denen der Staat keine ausreichenden gesetzlichen Beschränkungen auferlegt, ist ein tiefer Eingriff in das Recht auf Privatsphäre. Ein weiterer Aspekt ist die Art der Medien, die im Netz verfügbar sind. Nicht nur geschulte Menschenrechts-Researcher*innen müssen sich täglich verstörende Bilder und Videos ansehen, auch sogenannte Content Moderator*innen in Niedriglohnländern tun dies im Auftrag von Facebook, Google & Co. Unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen und unter enormem Zeitdruck müssen sie entscheiden, welche Inhalte der sozialen Medien sie löschen müssen. Diese Arbeit führt zu einer hohen psychischen Belastung. Außerdem stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien börsendotierte Unternehmen entscheiden, welche Inhalte ihre Nutzer*innen sehen dürfen oder nicht und wie sie damit auch die reale Welt beeinflussen. Weiterführende Links:

  • Beispiel für Nutzung von digitalem Zugang zu Bildung/Gesundheit/etc: https://www.arte.tv/de/videos/RC-016127/digital-africa/
  • https://www.amnesty.org/en/latest/campaigns/2015/07/panic-button-one-year-on/
  • Dokumentation „The Cleaners“ (2018) von Hans Block, Moritz Riesewieck
Schmarotzer

Ein wesentlicher Teil der Infrastruktur des Internets (Daten-/Telefonkabel und Rechenzentren) ist in der Hand relativ weniger großer privater Unternehmen. Sie nutzen Telefon-Datenkabel und sonstige Infrastruktur kostenlos ohne sich entsprechend an deren Schaffung und Unterhalt zu beteiligen. Dies wirft Fragestellungen im Kontext demokratischer Prozesse und globaler Gerechtigkeit auf. Zum Beispiel: Wie wird eine Netzneutralität, also die unabhängige Übertragung von Daten in Bezug auf Inhalt, Absender und Empfänger, gewährleistet? Was passiert in Gegenden in denen ein leistungsfähiges Netz nicht profitabel betrieben werden kann? Digitale Großkonzerne gehören inzwischen zu den finanzstärksten Unternehmen. Durch die üblichen Steuervermeidungsstrategien der Großkonzerne tragen sie gar nicht oder verhältnismäßig wenig zu den Steuereinnahmen der Staaten bei in denen deren Angebote im Wesentlichen genutzt werden.

Fazit

Prinzipiell bietet der Megatrend Digitalisierung etliche Möglichkeiten für umweltgerechtere Produktions- und Konsumweisen. Die bestehenden gesetzlichen, ökonomischen, politischen und kulturellen Rahmenbedingungen führen jedoch dazu, dass soziale und ökologische Probleme mit voranschreitender Digitalisierung eher verschärft als gemindert werden. Unkritische Herangehensweisen, die sich in der Parole „Digitalisierung first, Bedenken second“ spiegeln, werden nicht zur Nachhaltigkeit beitragen. Stattdessen gilt es gut nachzudenken und klug zu steuern, solange die Gestaltungsfenster offen sind. Denn hat sich ein digitales System erst einmal etabliert, ist es schwer, die Weichen in Richtung sozialökologische Wende zu verstellen. Sonst besteht die Gefahr, dass eine Digitalisierung unter den bestehenden ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen viele gesellschaftliche Probleme eher noch verschärfen dürfte.