2018/19: Du surfst mehr als du denkst!

 

 

Das Thema

Wir befinden uns mitten in der digitalen Revolution. Und die wird alles ändern: Geschäftsfelder, unsere Kommunikation, Herstellungsverfahren und Konsumweisen. Mit dem Internet der Dinge (IoT), Big Data, künstlicher Intelligenz, Smart Cities oder selbstfahrenden Autos werden derzeit Visionen entworfen, die weitreichende Auswirkungen auf alle Lebens- und Wirtschaftsbereiche haben. Nur kann diese Entwicklung auch zu einer nachhaltigen, ressourcenschonenden Welt beitragen? Wir wollten im Projektjahr 2018/19 vor allem auf ökologische, soziale und ökonomische Auswirkungen der Digitalisierung aufmerksam machen. Sei es der enorme Strom- und Ressourcenverbrauch (also die materielle Kehrseite der immateriellen Online-Welt), seien es gravierende Umweltschäden und Arbeitsbedingungen bei der Produktion unserer elektronischen Spielzeuge oder Menschenrechtsverletzungen, die mit der immer stärker werdenden Vernetzung und Überwachung einhergehen – genug inhaltliches Futter gab es allemal.

Unsere Kampagne

Im Rahmen unserer Recherche begegneten uns zwei aktuelle Publikationen. Zum einen „Smarte grüne Welt – Digitalisierung zwischen Überwachung, Konsum und Nachhaltigkeit“ von Tilman Santarius und Steffen Lange und zum anderen „Der blinde Fleck der Digitalisierung – Wie sich Nachhaltigkeit und digitale Transformation in Einklang bringen lassen“ von Felix Sühlmann-Faul und Stephan Rammler. Tilmann Santarius und Felix Sühlmann-Faul durften wir sogar live erleben auf der unglaublich lehrreichen und spannenden „Bits und Bäume“-Konferenz in Berlin. Ihre Beiträge sind auch online verfügbar. Während dieser Konferenz sammelten wir fleißig Ideen, u. a. auch von Felix Sühlmann-Faul selbst, und führten beflügelnde und kontroverse Gespräche mit beiden Parteien, den „Bits“ – also den IT-affinen Vollprofis und den „Bäumen“ – Menschen, denen Nachhaltigkeit und ökologisches Handeln sehr am Herzen liegen. Ein Ergebnis der Konferenz sind Forderungen, die auch wir in vollem Umfang unterstützen. Wie Nachhaltigkeit und digitalisiertes Produkt par excellence zusammen funktionieren, konnten wir auf unseren Infoveranstaltungen in Dresden und Leipzig zeigen. Gemeinsam mit dem KLAK Fahrradkino brachten wir jeweils 150 Menschen im Publikum zum Schwitzen und Nachdenken. Es wurden Klimakurzfilme und unsere Spots auf einer großen Leinwand gezeigt, wobei die gesamte Energie für den Beamer und die Soundanlage durch Muskelkraft auf zehn Fahrrädern erzeugt wurde. Das Medium Film wählten wir auch in Chemnitz für unsere Infoveranstaltung. In Kooperation mit dem „Filmclub Mittendrin“ erfuhren wir und 54 Teilnehmende durch die im August 2018 erschienene Dokumentation „Welcome to Sodom – Dein Smartphone ist schon hier“ mehr über die Lebensumstände und Schicksale der Menschen, die auf der weltweit größten Elektroschrott-Müllhalde in Agbogbloshie in Ghana leben. Und zuguterletzt fand auch in diesem Jahr wieder ein PoetrySlam zu unseren Themen statt, bei dem wir neben den vortragenden Slammer*innen 119 Menschen im Publikum begrüßen konnten. Insgesamt konnten wir durch 12 Standaktionen, 4 Infoveranstaltungen und 7 Kurzvorstellungen rekordverdächtige 1.718 Bürger*innen erreichen. Einer dieser Menschen war auch der sächsische Ministerpräsident Michael Kretzschmer, dem wir auf der Ideenkonferenz „Smart City: Morgen ist heute“ der Verbraucherzentrale Sachsen die Hand schüttelten und gleichzeitig für mehr Nachhaltigkeit auch im Kohlestromland Sachsen sensibilisierten. Über 160 Personen haben sich insgesamt an unserer Ausschreibung beteiligt und einzeln oder in Gruppen kreative, witzige oder traurige, spektakuläre oder ruhige Spotideen in Textform bei uns abgegeben. In der Jury mit Personen aus Entwicklungspolitik, Kultur, Film, Verwaltung, Hochschule und Zivilgesellschaft wählten 12 Anwesende und 33 digital Abstimmende die jeweils beste Idee für Dresden, Chemnitz und Leipzig aus. Der Einbezug von Multiplikator*innen aus Film oder Politik als Juror*innen in den Projektablauf bietet diesen einen interessanten Zugang zum Fokusthema „Digitalisierung und Nachhaltigkeit“, denn durch das Lesen der prägnanten, witzigen Filmideen werden viele Hintergrundinformationen aufgenommen. Die Kriterien entwicklungspolitischer Bezug/globale Aussage, Vermittlung konkreter Handlungsoptionen/Alltagsbezug sowie Originalität waren bei der Auswahl entscheidend. Auch in diesem Jahr war es wieder faszinierend zu sehen, wie viele Menschen und Initiativen sich bereits mit unseren Fokusthemen auseinander gesetzt haben und uns zum Teil auch bei Recherche und Ausschreibung unterstützten. Genannt seien hier stellvertretend z. B. C3D2, die Organisator*innen der Bits&Bäume-Konferenz, Amnesty International, Digitalcourage e.V., das Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung e.V., PowerShift e.V. , nachhaltig.digital oder Electronics Watch. Schweren Herzens mussten wir uns in diesem Projektjahr aus Kapazitätsgründen von Leipzig als Ausschreibungsort für den Sukuma Award verabschieden. Wir haben zwar eine Siegeridee ausgewählt, dann aber dort gar keinen Spot umgesetzt. Aber Dank toller Partner in dieser Stadt werden unsere Spots dann dennoch in Leipzig ausgestrahlt.

Hier stellen wir die Sieger vor:

Dreh-Sukuma-Award-Dresden 2019

Dreh Sukuma Award Dresden 2019

„Ich weiß was du letzten Sommer getan hast“ – Siegeridee Dresden (von Uwe Schnabel): „Hallo Steve.“ Freudig begrüßt Isabell alias Ulrike Sperberg (tjg – theater junge generation) ihr Gegenüber im Rahmen eines Speeddatings. „Meine Freunde nennen mich Stevi.“ erwidert Steve, gespielt von Erik Brünner, freundlich. Augenblicklich ertönt ein seltsames Geräusch, gefolgt von einer dumpfen Computerstimme: „Dein Socialmedia-Account sagt, du hast keine Freunde.“ Diese Situation möchte wohl niemand gerne erleben, denn sie lässt sich nur mit einem einzigen Wort beschreiben – peinlich. Was für eine gruselige Vorstellung, wenn das Handy jegliche Interaktion aufzeichnet, auswertet und anschließend auch noch lautstark mitteilt. Lange hält Steve die Kommentare seines Handys auch nicht aus und flüchtet bald im Rückwärtsgang aus dem Café. Doch auch Isabell bleibt zu allem Übel von den Überwachungseigenschaften und der Mitteilungsbedürftigkeit ihres Handys nicht verschont, die auch Auskunft über den viel zu hohen ökologischen Fußabdruck der beiden Beziehungssuchenden gibt.
Ganz und gar nicht peinlich hingegen waren die sensationelle Dreh-Kulisse und die grandiose kulinarische Versorgung bei Hellers Kuchenglocke. Musikalische Unterstützung erhielten wir dieses Jahr von den Les Bummms Boys aus Rostock mit ihrem sehr treffenden Song „Zieh den Stecker“. Der Spot feierte am 11.07.2019 seine Premiere bei den Filmnächten am Elbufer.

Sukuma-Award-Chemnitz-Dreh-2019

Dreh Sukuma Award Chemnitz 2019

„Upgradewahn“ – Siegeridee Chemnitz (von Alexander Raith): „Das Handy ist erst eine Woche alt und funktioniert schon nicht mehr.“ Entrüstet steht Michael-Paul Milow im Handyladen „Kommunikation & Medien“ vor dem Verkäufer, gespielt von Christian Clauß im Handyladen „Kommunikation & Medien“, und kann es nicht fassen. Diese Aussage und die damit verbundene absurde Ressourcen- und Energieverschwendung kratzen den gewieften Verkäufer allerdings nicht im Geringsten. Sogleich landet das erst eine Woche alte Handy in der Mülltonne und schwuppdiwupp zaubert er auch schon ein neues Modell hervor. Wie in einen Bann gezogen lauscht Michael-Paul Milow den überzeugenden Argumenten des sympathischen Verkäufers und schwebt förmlich zur Kasse. Die liebliche Kassiererin, gespielt von Susan Weilandt (tjg – theater junge generation) verweist den beseelten Kunden jedoch geschickt zurück zum Verkäufer, denn es gäbe ein gerade geliefertes, noch neueres und besseres Modell im Angebot. Dieses Spielchen treiben die Kassiererin und der Verkäufer bis auf die Spitze. Während die Kasse klingelt, flüchtet der verzweifelte Kunde schlussendlich vor dem buchstäblichen „Upgradewahn“ und der Konsumspirale, die sich nicht aufhört zu drehen. Der Spot feierte am 07.08.2019 bei den Filmnächten in Chemnitz seine Premiere.

Filmdrehs

Never touch a running system – auch dieses Jahr bewies sich die Kombination aus dem Potsdamer Regisseur Thomas Frick und der Dresdner Produktionsfirma ravir film GbR , sowie vielen fleißigen, freiwilligen Engagierten als absoluter Hauptgewinn für die professionelle Verfilmung der ausgewählten Siegerideen. Mit dem Teilauto-Bus ging es für die Filmcrew inklusive aller Requisiten und Versorgungspaket am 13.05.2019 zunächst nach Chemnitz auf den Kassberg. Dort mussten anschließend die Kund*innen vor der Tür des Handyladens „Kommunikation & Medien“ Schlange stehen und geduldig auf die Drehpausen warten. Über diese Wartezeit konnte aber unser leckeres, selbst-kreiertes Buffet, gezaubert aus geretteten Lebensmitteln der Dresdner Tafel, hinwegtrösten. In Dresden behielten die hochmotivierte Film-Crew samt Hauptdarsteller*innen und Statist*innen am 03.06.2019 bei über 30 °C in Hellers Kuchenglocke einen kühlen Kopf und das Café verwandelte sich in eine wuselige Speeddate-Location. Versorgt mit hausgemachten Köstlichkeiten aus der Kuchenglocke und geretteten Lebensmitteln in Form von Brötchen und Kuchen vom Vortag ließen wir auch hier in kulinarischer Hinsicht die Herzen höher schlagen. Hinter der geheimnisvollen Stimme am Ende unserer Spots verbirgt sich dieses Jahr Yassin Trabelsi, der die Botschaft unserer Filmspots perfekt untermalt. Und jetzt geht‘s ab in die Kinos. Jede*r darf unsere Spots nutzen und zeigen. Sprecht uns gerne an!

Und was kannst Du tun?

…digital nachhaltig konsumieren:

  • Suffizienz vor Effizienz: Informiere Dich über die Energie-, Ressourcen- und Datenverbräuche Deiner Geräte und Anwendungen!
  • Reduce, Reuse, Recycle: Nutze die Internetseiten Kaputt.de, Repaircafes, Mein Macher und HandyDoc.
  • Unterstütze Open Source! Teile das Wissen der Menschheit offen, damit alle davon profitieren können.
  • Bezahle anstatt mit Deinen Daten lieber direkt mit Geld! Threema statt WhatsApp, Posteo statt Gmail, Startpage oder DuckDuckGo anstatt Google.
  • Wähle nachhaltige Dienstleistungsplattformen: Sachen leihen beim Depot unter dem Motto „Ressourcen teilen – Gemeinwohl stärken“.
  • Nutze FairBnB, welches gemeinschaftlich – von den Gastgeber*innen und Gästen, örtlichen Unternehmen und lokalen Gemeinschaften – betrieben wird.
  • Probiere die Restaurantführer Vanilla Bean, ProVeg, VeganMap oder Veg Travel Guide.
  • Finde Mitfahrgelegenheiten auf Flinc.
  • Leihe Fahrräder auf nextbike.
  • Nutze den Einkaufsratgeber Greenpeace-Fischratgeber und die Kleidungsratgeber FairFashionFinder oder Rankabrand.
  • Lerne Nachhaltigkeitssiegel zu unterscheiden mit der LabelApp.
  • Beuge Essensverschwendung vor mit der Foodsharing-App.
  • Entschleunigung: Der Mut, öfter mal offline zu gehen, von vielen als Digital Detox bezeichnet, ist das erste Erfolgsrezept zur Entschleunigung des Lebenstempos.

Dank

Unser herzlichster Dank geht an alle Dreh-Beteiligten, Partner*innen und Förder*innen sowie Spender*innen.